Nachhaltiger Aktivismus – Interview mit Timo Luthmann

Die politischen und persönlichen Herausforderungen nehmen für engagierte Menschen stetig zu. Wie können wir „ohne auszubrennen“ mit diesen Umständen klug umgehen? Was macht Aktivist*innen und soziale Bewegungen widerstandsfähiger, kreativer und erfolgreicher? Wie sieht es mit der feinen Balance zwischen individueller Selbstverwirklichung und kollektiver Befreiung aus?

Das Handbuch von Timo Luthmann verschafft einen Überblick und stellt Bezüge zwischen den verschiedenen Dimensionen politischer Veränderung her. Ziel ist die Reflexion der eigenen politischen Praxis und die Entwicklung einer hilfreichen Strategie zur Förderung sowohl der individuellen Selbstentfaltung als auch der kollektiven Befreiung. Ein ausführlicher Ressourcenteil, praktische Übungen und ein Glossar runden das Handbuch ab.

3 schätze: Lieber Timo, wir kennen uns nun schon eine ganze Zeit aus dem San Bo Dojo (Zen Dojo) und teilen die gemeinsame Praxis des Zazen und einen ähnlichen Blick auf die Welt. Ich freue mich, dass wir heute dieses Interview führen können…

Timo Luthmann: Ich freue mich auch, dass wir endlich Zeit für dieses interessante Gespräch gefunden haben 😉

3 schätze: Im März 2018 ist Dein lang erwartetes Buch „Politisch aktiv sein und bleiben – Handbuch Nachhaltiger Aktivismus“ im Unrast Verlag erschienen. Was hat das nun mit Zen, Buddhismus oder Yoga etc. zu tun?

Timo Luthmann: Zuallererst möchte ich einmal sagen, das mein Buch kein buddhistisches ist, es jedoch buddhistische Weisheitstraditionen und Praktiken in einen größeren Rahmen zu sozialer Veränderung einordnet. Der Buddhismus ist ein spezifischer Zugang zu Befreiung mit seinen Stärken und Schwächen, wie z. B. auch der befreiungstheologische oder der klassisch linke Ansatz, die auch in dem Buch beschrieben werden.

Der Aufhänger des Buches ist das Thema Burnout im politischen und zivilgesellschaftlichen Bereich. Von dort aus stelle ich tiefergehende Fragen nach den Ursachen und entwickle Lösungsansätze, wie ein langfristiges politisches Engagement geführt werden kann.

Und hier kommt dann der Buddhismus ins Spiel. Das hat erstmal ganz pragmatische Gründe, wenn es um Stärkung der individuellen Widerstandskraft geht, indem Stress durch buddhistische Praxen wie z. B. Meditation reduziert wird. Gleichzeitig geht der Nutzen aber noch darüber hinaus. Ich selbst praktiziere Zen-Meditation und wertschätze den engagierten Buddhismus, als Quelle von Inspiration und praktischen Erfahrungen. Mit persönlicher Transformation hat sich der Buddhismus schon 2500 Jahre praktisch beschäftigt und diesen Erfahrungsschatz möchte ich für linke Bewegungspolitik nutzen.

Gleichzeitig gibt es auch anderes wichtiges Wissen in anderen Traditionen wie z. B. im Yoga oder indigene Traditionen. Oberthema in diesem Bereich sind Transformative Praxen, die uns individuell wie kollektiv verändern.

3 schätze: Aus meiner Erfahrung ist es oft eher schwierig, Menschen, die links-politisch engagiert sind, für Dharma oder die verschiedenen Möglichkeiten der Meditation zu begeistern. Es gibt da anscheinend einen Widerstand, weil man eine Religion dahinter vermutet bzw. sich von Religionen im Allgemeinen fernhalten will.

Timo Luthmann: Das stimmt auf jeden Fall. Das ist historisch begründet, da die Linke aus der Tradition der Aufklärung kommt und dort gegen Irrationalismus und Klerikalismus (kurz: Herrschaft des Klerus) eine säkulare Gesellschaft erkämpfen musste. Religionen und religiöse Elemente wurden schon immer zu Herrschaftszwecken missbraucht und diese Erfahrungen sitzt tief.

Aber es gab auch immer schon die antiautoritären und mystischen Strömungen, die den Kontakt zum Göttlichen demokratisiert, ohne Priesterkaste vertreten haben oder für die alles heilig war. Beispiele hierfür sind die Quäker, die beim Kampf gegen die Sklaverei eine wichtige Rolle gespielt haben.

In der letzten Zeit hat sich aber viel getan, weil es einerseits mehr Forschung über die Wirkungsweise von Meditation und Yoga gibt und gleichzeitig immer mehr Menschen damit Erfahrungen sammeln und es deswegen nicht mehr so elitär/obskur wirkt. Trotzdem gibt es immer noch einen weit verbreiteten Anti-Hippie-Reflex, der auf fehlendem Wissen und Vorurteilen beruht, das Liebe und Verbundenheit nicht Sentimentalität bedeutet.

Meine Perspektive ist das Entwickeln einer Transformativen Linken durch die Stärkung einer emanzipatorischen Spiritualität als Antithese zur Esoterik als irrationaler Geheimwissenschaft. Dies bedeutet für mich, das sich aufgeklärtes kritisches Bewusstsein und spirituelle Verbundenheit nicht ausschließen, sondern sich zu einer kraftvolleren Synthese ergänzen können.

3 schätze: In Deinem Buch stellst Du die Frage, wie es mit der feinen Balance zwischen individueller Selbstverwirklichung und kollektiver Befreiung aussieht? Was bedeutet für Dich der Begriff der Befreiung?

Timo Luthmann: Befreiung muss immer mehrdimensional gedacht werden, individuell wie kollektiv. Einerseits geht es für mich individuell um Selbsterkenntnis und Verkörperung von Befreiung bzw. ein befreites Sein. Kollektiv gesehen bedeutet Befreiung für mich der Abbau und Überwindung von struktureller Gewalt in unserer Gesellschaft wie z. B. patriarchale und rassistische Strukturen.

Reflexion, individuelle Resilienzstrategien und kollektive Resilienzstrategien

3 schätze: In Deinem Buch beschreibst Du drei Säulen des Nachhaltigen Aktivismus, Reflexion, individuelle Resilienzstrategien und kollektive Resilienzstrategien. Kannst Du dies kurz erläutern?

Timo Luthmann: Puh, that´s a lot 😉 Ok, ich versuche es mal so. Die erste Säule ist Reflexion unser politischen Praxis und Strategie. Es ist einfach wichtig zu lernen, wie soziale Veränderung funktioniert und dafür in die Geschichte und Gegenwart zu schauen, als auch unsere Praxis beständig zu reflektieren.

Die zweite Säule sind individuelle Resilienzstrategien, also Wege die persönlich unsere Widerstandskraft stärken. Dazu zählen Achtsamkeitspraxen und Heilungsstrategien genauso wie Klarheit darüber, was uns stresst und Kraft schenkt. Die verschiedensten Aspekte habe ich in einem individuellen Resilienzbildungszyklus in die Bereiche „Raum für Bewusstheit schaffen“, Reflexion, Fokus und Balance gegliedert, wobei es in jedem Bereich praktische Übungen gibt.

Die dritte Säule sind kollektive Resilienzstrategien, wobei ich die Stärkungsmöglichkeiten auf der Ebene der Gruppe oder Organisation, der sozialen Bewegung und letztendlich der Gesellschaft betrachte. Auf der Gruppenebene geht es viel um bessere Kommunikation, Gruppenstrukturen oder z. B. Konfliktbewältigung. Soziale Bewegungen werden durch vielfältigste Institutionen gestärkt, wie Trainer*innenkollektive, Aktionsküchen oder Orte für Rückzug und Stille. Und auf gesamtgesellschaftlicher Ebene stärken ein bedingungsloses Grundeinkommen, Gemeingüter und gesellschaftliche Utopien die Widerstandskraft.

3 schätze: In einem anderen Interview hast Du mal gesagt, dass „sozial engagierte Menschen oft erst einmal durch einen negativen Zustand motiviert werden. Sie wollen Ungerechtigkeiten abschaffen und Leid minimieren„. Dies scheint mir nicht nur im sozialen Engagement, sondern meist auch bei persönlichen Veränderungsprozessen der Fall zu sein. Die Innenschau ermöglicht irgendwann vielleicht auch die Möglichkeit, mehr auf die eigene Not und das Potential zur Veränderung zu blicken, als das „Übel“ im Außen zu suchen. Kann hieraus nicht eine stärkere Kraft, auch für politisches und soziales Engagement wachsen?

Timo Luthmann: Das sehe ich auf jeden Fall so. Je mehr innere Klarheit wir haben, desto kraftvoller können wir uns auch für eine kollektive Befreiung einsetzen und sind dadurch besser vorbereitet, nicht individuell gesellschaftliche Unterdrückungsverhältnisse zu reproduzieren.

3 schätze: Die Gewaltfreie Kommunikation von Marshall B. Rosenberg spricht z.B. von einer Ebene der Bedürfnisse, die wir alle grundlegend teilen und über deren Verständigung wir in eine friedvolle Verbindung kommen können…

Timo Luthmann: Gewaltfreie Kommunikation kann ein sehr wertvolles Werkzeug sein und grundsätzlich ist alles, was die zwischenmenschliche Kommunikation verbessert im Sinne des Nachhaltigen Aktivismus.

Dabei folgt Gewaltfreie Kommunikation eher dem liberalen Paradigma, das wir durch Gespräche unsere Bedürfnisse aushandeln können. Dies ist durchaus in vielen Bereichen der Fall. Doch es müssen auch Machtunterschiede und Herrschaftsmechanismen berücksichtigt werden. Wenn Menschen sich in Missbrauchsbeziehungen befinden, ist die Gewaltfreie Kommunikation eher weniger das geeignete Mittel, um sich aus diesen Verhältnissen zu befreien. Ebenso ergeht es Menschen, die nicht so privilegiert sind oder über gute sprachliche Fähigkeiten verfügen.

Wut ein „Notfallbrennstoff“

3 schätze: Soziales und politisches Engagement kennt oftmals ja sehr klar definierte Feindbilder. Gedanken und ein Gefühl von Getrenntheit aufrecht zu erhalten von etwas, was zumindest aus buddhistischer Sicht, nicht getrennt ist, wird möglicherweise letztlich doch leidhaft sein. Wie bewertest Du die Rolle von Wut und den Umgang damit?

Timo Luthmann: Der Umgang mit Wut ist eine komplexe Sache. Unterdrückung von Wut hilft uns nicht, genauso wie das unreflektierte Ausleben dieser Emotion. Wir brauchen einen achtsamen Umgang damit und eine intelligente Gefühlsregulation. Interessant ist hinter die Wut schauen. Was steckt dahinter? Angst? Scham?

Wenn wir aus Verbundenheit heraus handeln, kann Wut durchaus lebensbejahend und konstruktiv sein. Dabei ist Wut ein „Notfallbrennstoff“, der uns Energie geben kann gegen Ungerechtigkeiten aufzustehen. Trotzdem ist diese Emotion nicht dazu in der Lage, uns langfristig zu tragen. Dauerhaft von Wut angetrieben sein kann uns ausbrennen und zynisch werden lassen.

Problematisch wird es, wenn wir an diese Emotion anhaften und sie Teil unserer Identität wird. Dies ist teilweise in der Linken und verschiedenen Subkulturen wie der Punk/Hardcore-Bewegung der Fall. Dies lässt uns holzschnittartig reagieren und verschließt uns teilweise der bedeutendsten Kraftquelle, nämlich aus Empathie zu handeln.

3 schätze: Herzlichen Dank für dieses Gespräch…

Timo Luthmann ist seit Mitte der 1990er Jahre in verschiedenen sozialen Bewegungen aktiv: von der Jugendumweltbewegung über die Anti-AKW-Bewegung bis hin zum Kampf gegen Sozialabbau. Seit 2010 ist er in der Klimabewegung aktiv, bei ausgeCO2hlt organisiert und Mitinitiator der Kampagne Ende-Gelände. Zudem ist der Autor regelmäßig als Bildungsreferent und Trainer tätig und bietet Vorträge und Workshops zum Thema „Nachhaltiger Aktivismus“ an.

Kontakt: timo(at)klimakollektiv.org

Das Buch Politisch aktiv sein und bleiben – Handbuch Nachhaltiger Aktivismus gibt es auch bei 3 schätze!

Update:

Am Freitag, 14.09.2018 (19:00) liest Timo Luthmann bei 3 schätze aus seinem Buch „Politisch aktiv sein und bleiben – Handbuch Nachhaltiger Aktivismus“ und bietet Raum für die Fragen der Gäste.

Die Lesung findet im Rahmen der 14. Lesereise der Altstadtinitiative Bonn (A.I.B.) statt.

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